Wenn der Sommer naht, bedeutet das für mich immer: Prüfungen schreiben, Seminararbeiten abgeben und so viel Nougat-Eis wie möglich auf Vorrat verzehren, denn der Tuchlauben-Eissalon wird mich bald entbehren müssen: Stadtluft, adè, das Sommerlager steht an! Die letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden: Man muss gruslige Masken einkaufen, Sicherheitsnadeln und Tixo, Fackeln und Textilmarker und vor allem Gebirgszüge an Essen. Außerdem müssen wir in stundenlanger Arbeit Zelte und Hangars, Büromaterial, Kochund Werkzeug, Klobrillen, Schminke und Verkleidungen in einen Lastwagen verladen. Der LKW fährt rund vier Tage vor Lagerbeginn auf die Wiese (Danke unseren FahrerInnen Gigl Gilleitner und bei der Rückfahrt Doris und Anna-Kristina Kruschitz aus dem Elternrat) und eine kleine, aber motivierte Gruppe Guidesführerinnen beginnt den Aufbau der Zeltstadt. Als erstes werden die kleinen Schlafzelte der Führerinnen errichtet und bald darauf werden die Hangars aufgestellt. Ein ovales Zirkuszelt, das  wir „Oval Office“ nennen, ist unser HQ, in dem wir Besprechungen abhalten und in dem Kinderverbot herrscht. Ein kleinerer Hangar wird als Küche aufgestellt und mit Kochern, Brätern, Vorratskisten und Gewürzregalen ausgestattet. Unser größter Hangar ist das gemeinsame Aufenthaltszelt für regnerische Tage.

Da die Burschen einen noch größeren Hangar namens „Weißer Riese“ haben, nennen wir unseren liebevoll „Kleiner Riese“. Damit die Guides bei ihrer Ankunft auch schon Geschäftliches erledigen können, wird auch die Latrine schon in diesen Tagen aufgestellt, was bedeutet, dass wir eine riesige Grube ausheben müssen, über der ein mit einer Klobrille ausgestatteter Sitz aus Rundlingen (Baumstämmen mit ca. 10 20 cm Durchmesser) gezimmert wird.

Da ich aber nicht an diesem Vortrupp anwesend sein konnte, spreche ich hauptsächlich aus Vortrupp-Erfahrungen früherer Jahre. Fakt ist: alle diese Dinge standen bereits, als ich am Sonntag, den 3. Juli, mit einer Horde Guides auf dieser Wiese ankam.

Die Wiese war ausgesprochen idyllisch: Eingebettet in die Schlinge eines Baches war sie nur auf einer Seite über eine abschüssige Wiese erreichbar. Der Fußweg führte über eine schmale Brücke und einen kurzen, steilen Waldweg. Das Paradies! Unerreichbar für neugierige Nachbarsaugen (es gab keine Nachbarn), keine störenden Hochspannungsleitungen im Blick und fernab des Zivilisationslärms. Als Erstes hieß es essen, denn die nach einer außerplanmäßig langen Wanderung hungrigen Mädchen mussten sich für den Zeltaufbau stärken.

Es ist immer ein spannender Moment, wenn aus einer (fast) nackten Wiese auf einmal eine Zeltstadt wird. Die Infrastruktur stand zwar bereits, doch ohne Bewohnerinnen sind es doch nur Zelte. Auf den Zeltaufbau folgte der Aufbau der „Patrullstellen“. Das sind Bereiche, die je von rund 10-15 Kindern und Jugendlichen verwendet werden und die aus einem überdachten Tisch mit Bänken bestehen. In einiger Entfernung (man möchte nicht, dass die Zelte oder Planen Feuer fangen), werden die Kochstellen gebaut, die wie ein Grill funktionieren. All das wurde aus Rundlingen und Brettern errichtet, ohne einen einzigen Nagel zu verwenden. Schon das ganze Jahr über haben wir für diesen Moment Knoten und Bünde geübt. Der Sinn dahinter ist, dass die Bauten nach dem Lager wieder auseinandergenommen und weiterverarbeitet werden können. Nach dem Aufbau wurde das Lager durch ein großes Lagerfeuer offiziell eröffnet.

Beim Fahnengruß am nächsten Tag wollten wir auch die Spielgeschichte eröffnen. Praktischerweise ist „zufällig“ eine weinende Zeitreisende aus der Zukunft namens Kay-Lenna in unseren Kreis getreten, die Hilfe von uns gebraucht hat. Dass sie auffallende Ähnlichkeit mit mir hatte, mag wohl daran liegen, dass sie eine entfernte Nachfahrin von mir sein könnte. Sie erzählte uns, sie komme aus einer Zeit 10.000 Jahre in der Zukunft und habe auf einer ihrer Zeitreisen den altgriechischen Gelehrten Agathos kennengelernt. Gemeinsam bereisten sie mithilfe von leuchtenden Zeitreisesteinen unzählige Zeiten und studierten und forschten an einer Lehranstalt in Athen. Agathos und Kay-Lenna lernten einander lieben und trieben den Forschergeist des jeweils anderen an. Doch eine böse kretische Hexe verfluchte sie aus Eifersucht und verteilte die Zeitreisesteine über die ganze Weltgeschichte. Die beiden hatten zwar noch jeweils ein paar Steine, um zu reisen, konnten aber dank dem Fluch nicht mehr gleichzeitig in dieselbe Zeit reisen. So waren sie zu einer ewigen Trennung verdammt. Einzig wenn eine Gruppe Kinder die verteilten Steine einsammeln würde, wäre der Fluch gelöst. Das kam uns gerade recht, denn sie ließ uns auch einen Zeitreisestein da, mithilfe dessen wir in den folgenden zwei Wochen verschiedene Epochen und Orte in der Vergangenheit und Zukunft bereisen konnten. Zum Beispiel haben wir die alten Griechen besucht, und dort köstliches, von den Guides auf der Kochstelle zubereitetes Essen geschmaust oder haben am Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Erfinder des Zeppelins und seiner Familie (bestehend aus verkleideten Mädchen, die sich jede Rolle selbst überlegt haben) geplaudert.

Mit dem Abenteurer Thor Heyerdahl haben wir Überlebenstechnik gelernt und Fische mit der Hand gefangen, selbst ausgenommen und am Feuer gebraten, oder Biwaks (Waldhütten) gebaut. Bei einem unserer grusligen Nachtgeländespiele mussten die Guides ihren Mut beweisen und einen Konflikt lösen helfen, während wir Führerinnen unsere schaurigste Schauspielkunst raushängen lassen konnten. Die Spielgeschichte wurde auch noch beim Waldläufertag fortgeführt, einer ausgedehnten Nachtwanderung, die ungefähr zu Mitternacht beginnt und bis zum Vormittag dauert. Der Nachmittag nach dem Waldläufertag bestand (wie immer) darin, in einem schattigen Matratzenlager zu schlafen, zu lesen oder zu plaudern.

Einmal haben die Kinder Fernsehsendungen gestaltet und Seifenopern erfunden, Germany’s Next Topmodel nachgespielt und eine Talkshow gezeigt. Ein andermal haben wir in Patrullen Ausflüge in  die Umgebung unternommen; zum Lippizanergestüt Piber, in ein Bergwerk und eine Glasbläserei. Auch konnten wir einige Male im nahe gelegenen Hirzmannstausee schwimmen gehen. Auch in unserem Haus-Bach konnten Kälteresistente untertauchen oder bei einer Flusswanderung Steine für eine Steincastingshow sammeln. Einmal haben wir Führerinnen unsere Guides besonders überrascht. Unter dem Vorwand, ihre Orientierungsfähigkeiten zu testen und sie mit verbundenen Augen paarweise in der näheren Umgebung auszusetzen, um sie dann alleine heimfinden zu lassen, haben wir sie heimlich zum Lagerplatz der Buben gebracht, der ganz in der Nähe, direkt am Packerstausee lag. Die Buben haben mich vor allem mit ihrer Kiosk-Börse erstaunt (die Preise sind je nach Nachfrage angepasst worden). Nach ersten Entsetzensmomenten bei sowohl Mädchen als auch Buben (Meine Haare sind ja ungewaschen! Passt die Hose zum Leiberl!?) wurden Freundschaften vom Pfingstlager aufgefrischt oder neue geschlossen.

Ein Höhepunkt des Lagers war das Tiernamenspiel.  Traditionellerweise  bekommt  jedes  Guide, das das Pfadfinderinnenversprechen abgelegt hat, einen Tiernamen verliehen, der unserem Eindruck nach zu ihrem Charakter passt. Die älteren Mädchen, die bereits einen Tiernamen haben, planen ein Nachtgeländespiel für die jüngeren, an dessen Schluss der Name verliehen wird. Danach gibt es immer eine Gesprächsrunde, in der alle Alten und Jungen und auch wir Führerinnen unseren Tiernamen preisgeben. Ich fand das Nachtgeländespiel extrem gut inszeniert und war auch überrascht und begeistert von den Schauspielkünsten der älteren Guides.

Ein weiterer Höhepunkt war natürlich auch die Verleihung der Halstücher. Das Halstuch bekommt man verliehen, wenn man eine Reihe von Aufgaben gemeistert hat und bereit ist, das Pfadfinderversprechen abzulegen. Natürlich haben wir es auch geschafft, alle Zeitreisesteine einzusammeln, den Fluch zu brechen und Kay-Lenna und Agathos (der frappante Ähnlichkeit mit der Marie hatte…etwa ein entfernter Vorfahr?) wieder zu vereinen.

Nach zwei spannenden, anstrengenden und schönen Wochen haben wir gemeinsam alle Zelte wieder abgebaut, das Material eingepackt, einen Teil der Bauhölzer zersägt und verbrannt und einen anderen Teil Bauern geschenkt, die Wiese aufgeräumt, die Latrinengruben zugeschüttet und gepackten Rucksackes den Lagerplatz wieder verlassen. Die Zugfahrt nach Hause war auch noch sehr schön und es war auch schade, die neuen oder nun engeren Freundinnen gehen zu lassen. Trotzdem war ich auch froh, einmal ausschlafen zu können. Doch bevor ich ins Bett fallen konnte, musste noch der LKW ausgeladen (danke, Buben, für eure Hilfe!

und die Sachen im Heim verstaut werden. Diese Arbeit haben vor allem diejenigen Führerinnen geleistet, die mit dem Auto nach Wien gefahren sind und viel schneller angekommen sind. Der endgültige Abschluss des Lagers war dann das traditionelle Schnitzelessen im Leupold (danke, Tiffany! J) und dann konnte ich endlich schlafen – und das gefühlte drei Tage am Stück.